Predigt 30. So JKA Mt22,34-40 PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Gereon Henkhues   

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Predigt zum 30. Sonntag im Jahreskreis,

Lesejahr A zu Mt.22,34-40

Das Wichtigste aller Gesetze Israels wonach Jesus von den PharisĂ€ern und Schriftgelehrten  im heutigen Sonntagsevangelium gefragt wird stammt von Moses,

der nach 40Jahren WĂŒstenwanderung dem Volk ein Wort mitgibt:

Liebe.

„Höre Israel! Der Herr unser Gott, der Herr ist einzig. Darum sollst du den Herrn deinen Gott lieben aus ganzem Herzen aus ganzer Seele, aus ganzer Kraft.“

Dieses Wort, in der hebrĂ€ischen Sprache nach den Anfangsworten „Schma Israel“ genannt, begleitete und begleitet noch heute glĂ€ubige Juden durch das ganze Leben.

Dieses Wort sprechen sie zu Beginn eines jeden Tages.

Dieses Wort steht auf einem TĂ€felchen an der HaustĂŒr, das von jedem berĂŒhrt wird, der die Schwelle ĂŒbertritt.

Die besonders frommen Juden tragen dieses Wort in einem kleinen KĂ€stchen mit sich, das sie beim Beten an die Stirn binden. Und jeder hofft, dass er noch im Sterben Gelegenheit findet, dieses Wort zu sprechen:

das Bekenntnis seiner Liebe zum einzigen Gott.

Höre Israel und liebe deinen Gott mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und ganzer Kraft.

Es heißt also nicht mit deinem Verstand, deinem Willen und deiner Korrektheit.

Nein!

Hören ist gefragt, hören, was Gott will, ein Horchen, dass das Herzensauge zu schÀrfen vermag.

Da sind wir bei Jesus.

Die Fragesteller im heutigen Evangelium wollen ihn herein legen, Fallen stellen, damit sie ihm den Prozess machen können.

Die Schriftgelehrten wollen nur wissen, ob Jesus die Formel dieses Hauptgebotes exakt auf zusagen weis.

Die Bosheit die hinter dieser formellen Fragerei steht, wird deutlich, wenn wir den Schlusssatz des Evangeliums lesen:

Und keiner wagte mehr, ihm eine Frage zu stellen.

Jesus bleibt gelassen in dem er sich zu seinem Vater, dem einzigen Gott bekennt.

Wenn er von der Gottesliebe redet, dann meint er genau das, was in diesem Glaubensbekenntnis Israels steht Höre Israel, Gott dein Gott ist einzig, liebe ihn und deinen NÀchsten.

Liebe beginnt mit Hören und Sehen.

Dort, wo es keine Liebe gibt, vergeht einem Hören und sehen im wahrsten Sinn des Wortes.

Ein Gesetz ist nur dann fĂŒr den Menschen hilfreich, wenn es mit Liebe gefĂŒllt wird. Ein liebloses, erzwungenes Gesetz zerstört und tötet den Geist.

Doch die Liebe hebt den Buchstaben auf.

Da gewinnen wir neu den Blick fĂŒr das Augenblickliche, das Notwendige.

Liebe und dann tu, was du willst, sagt Augustinus.

Dann bleibt auch wieder Zeit fĂŒr Zweitrangiges und Nachrangiges.

Wer mit einer solchen Gott und den NĂ€chsten liebenden Herzensbereitschaft

sich suchend und fragend aufmacht,

der geht auch mit sich selbst liebevoll um.

So tief ist der Geist der Gottes -und NĂ€chstenliebe in der Taufe in uns grund- gelegt, dass es unsererseits nur eines kleinen Schrittes bedarf, um das Herz zum Quellgrund der Liebe werden zu lassen.

Wie tief dieses von Moses geschenktem und von Jesus bekrÀftigtem Glaubensbekenntnis den Menschen stÀrken kann,

zeigt ein erschĂŒtterndes  Glaubenszeugnis durch einen Rabbi der im Konzentrationslager Auschwitz umkam.

Ein ehemaliger HĂ€ftling berichtete:

Wir waren zum Appell aufgestellt. Wir befĂŒrchteten schon die regelmĂ€ĂŸige Aussortierung der arbeitsunfĂ€hig gewordenen, die dann ermordet wurden. Da hat sich ein alter Rabbi, der in unserer Reihe stand, auf den Boden gekniet und gesprochen: „Höre Israel, Der Herr unser Gott, der Herr ist einzig. Darum sollst du den Herrn deinen Gott lieben aus ganzem Herzen, aus ganzer Seele, aus ganzer Kraft.

Da trat der Kommandant auf den Rabbi zu, zog eine Pistole und sagte:

Na, Alter, wir werden ja sehen, wer stĂ€rker ist; dein Gott oder meine Pistole. Und wĂ€hrend der Rabbi noch mit einem frohen ruhigen Gesicht lĂ€chelte, drĂŒckte der Lagerkommandant ab und der Glaubenszeuge fiel tot zur Erde.

Wir HĂ€ftlinge mussten seine Leiche zu einer Grube bringen, in der schon andere Erschossene lagen.

Tausend - und abertausend mal mag dieser Rabbi jenes Wort schon gesprochen haben in seinem Leben. Vielleicht hat er sich auch gefragt, wann er denn je im Stande sein wĂŒrde, Gott immer und ĂŒberall aus ganzem Herzen und mit ganzer Kraft zu lieben. Aber nun, da er seinen Tod kommen sah, bezeugte er, dass er lebte, was er sprach, zumindest in dieser Stunde.

Liebe Schwestern, liebe BrĂŒder.

Wir bekennen ja auch gemeinsam unseren Glauben an den einzigen Gott, und oft stellen wir fest, dass wir noch andere Götter in unserem Leben haben:

Wahrscheinlich ist es nicht gerade die Leben ertötende Pistole, wie bei jenem Lagerkommandanten,

aber vielleicht ist es unser Haus oder unser Auto,

unsere Familie oder unser Beruf,

ein Hobby oder unser KarrierebedĂŒrfnis.

Die Frage heißt hier:

Woran hÀngt unser Herz?

Wer oder was bestimmt unser Leben?

Solche Bekenntnisse zu Götzen unserer Zeit fĂŒhren nicht zum Leben, sondern machen blind, abhĂ€ngig und lieblos.

Unser Glaubensbekenntnis lÀsst uns Liebe sein, im Blick auf Gott, dem NÀchsten und zu uns selbst. Amen.