Schlagzeilen

Geschrieben von: Gereon Henkhues   

 

Abschied_Norbert_Kster Verabschiedung von Pfarrer Norbert Köster
Lebensbilder
die den Blick des Christen auf Zukunft hin weiten,

von Br. Gereon Henkhues

als pdf Dokument

 


Die Liebe trägt die Seele, so wie die Füße den Leib tragen.

Das sagte die große Katharina von Siena, als sie in dunkler Zeit durch ihr wirken der Kirche Wege in die Zukunft eröffnete.

Einer, dessen Lebenssehnsucht auf Zukunft hin ausgerichtet war, ruft uns heute ein Wort des heiligen Augustinus zu:

Lass die Liebe in deinem Herzen wurzeln, und es kann nur Gutes daraus hervorgehen

Wir haben diesen Rufer, unseren langjährigen Pfarrer, Seelsorger, Freund und Bruder Norbert Köster vor einer Woche in seinem Heimatort Haldern zu Grabe getragen.


N_Koester

Bewegt und getröstet schaue ich auf sein Leben zurück oder

nein, mir ist es ehe, als befände ich mich mit ihm und vielen hier in dieser Stunde im gleichen Boot, dem Schiff, das sich Gemeinde nennt.

Es hat längst Fahrt aufgenommen auf Zukunft hin.

Diese Friedenskirche "Zu den heiligen Engeln", die ihm so ans Herz gewachsen, war für Norbert Köster Zeichen des Aufbruchs.

Diese Kirche war sein Credo.

Lassen wir uns kurz mit unserem Verstorbenen berühren von diesem Ort, der vom Tod bringenden Kriegswerk zum Friedenshaus wurde.

Einmal sagte er mir:

Schau auf dieses Friedenshaus,

nicht Statik, sondern beschwingte Dynamik,

nicht Erstarrung, sondern Kraftvolle Bewegung,

nicht Verankerung, sondern freie Fahrt.

Diese Friedenkirche läd ein auf Fahrt zu gehen,

mutig Wogen und Abgründen zu trotzen,

mit dem Ziel, neues Land zu erreichen.

Der Engel oben auf der Zinne ist unser Herold,

aber zugleich auch Gehleiter und Schützer aller Mitfahrenden.

Wer diese Kirche betritt wird den Eindruck bekommen:

Ich trete unter den Schutz Gottes, behütet auf Zukunft hin,

so Norbert Köster.

Hier am Friedensort sind wir Horchende, die nicht an sich selbst, sondern sich an Gott und seinen Worten orientieren:

  • An der Zukunft, die er uns verheißt.
  • An dem Ziel, das er uns setzt.
  • An dem Weg, den er uns in Christus Jesus zeigt.
  • An dem Rat, der uns in seinem Wort zugesprochen wird.

Gott selber ist uns Weg Ziel und Zukunft.

Wir sind als Gemeinde Jesu Christi unterwegs, wohl wissend um die Zerreißprobe, in der wir stehen.

Wir tun gut daran, einander nicht vorschnell und endgültig als fortschrittlich oder rückständig, modern oder antiquiert, liberal oder dogmatisch, aufgeklärt oder doktrinär zu bezeichnen.

Das wirkt blockierend auf Zukunft hin, so Norbert Köster im Gespräch.

Diese spirituellen Grundgedanken bewegten ihn und beflügelten sein alltägliches Handeln.

So und nun von vorn:

Alles begann mit seiner Geburt am dem 31.Mai 1931 in Haldern.

Sein Vater war Schuster, tüchtig und angesehen im Ort.

Der Sohn ehe klein und schüchtern.

Eckte auch mal an.

Messdiener durfte er nicht werden.

Darunter litt er.

Nach einer kurzen Schulzeit in Emmerich

kam er 1946 zur Gaesdong.

Der dortige Studienrat Dr. Josef Storm holte damals 10 Kinder aus Rees, Haldern und Wesel dorthin.

Dieser außergewöhnliche Pädagoge, verstand es, seinen Schülern Selbstbewusstsein zu vermitteln.

Schnell erkannte er Fähigkeiten des kleinen Norbert, forderte und förderte ihn mit Strenge und Witz.

O-Ton Norbert Köster:

Bis heute zehre ich davon, was er mir damals beibrachte.

Köster, das kannst du, hörte ich häufig.

In meiner Heimat Haldern war ich kein Messdiener geworden. Doch gleich in der allerersten Gaesdonker Zeit durfte ich

Dr. Storm immer bei der Schwesternmesse um 5.45 Uhr dienen.

Mein Jammern, ich sei doch kein Messdiener gewesen, wischte er vom Tisch mit den Worten:

Köster, du kannst das. Da war es wieder.

Naja, Bei dem Suscipiat verhaspelte ich mich kläglich.

Sein Kommentar in der Sakristei, als ich schnell verschwinden wollte:

Köster, der Segen für uns totuisque Ecclesiae suae sanctae, Übersetzt, der Segen für uns und seine ganze heilige Kirche

ist besonders wichtig. Merk dir das. Nächstes mal kannst du das.

Eines Morgens hatte ich mich verschlafen.

Auf meine Entschuldigung reagierte Dr. Storm so:

Köster, du bist doch Choralsänger! Lies mal im Exultet der Ostermesse nach, was da über die felix culpa, der glücklichen Schuld steht!

Das war's!

Ein andermal habe ich mich über den piepsigen Schwesterngesang so amüsiert, dass ich mich vor Lachen nicht halten konnte und laut los prustete.

Köster, was gibt's da zu lachen, polterte es vom Sakristei-Ende

A-aber Herr Dr. mussten- sie sie- denn nicht auch lachen?

Köster, lies gefälligst nach, was in den Psalmen über die gefiederten Vögel des Himmels steht. Sie alle loben den den Herrn!

Krähen gehören auch dazu.

Allmählich begriff ich, so Norbert Köster weiter, dass Storms Methode darauf aus war, damals mein ziemlich unterentwickeltes Selbstbewusstsein zu stärken.

1953 machte er dort sein Abitur.

Daran schlossen sich Studien in Münster und München an.

Um sein Studium finanzieren zu können musste Norbert hart arbeiten.

Als Hilfsarbeiter schuftete er auf der Zeche Lohberg unter Tage.

Bei einer Arbeit im Steinbruch wäre er beinahe ums Leben gekommen.

Beim so genannten Steine brechen wurde er unter Steinmassen begraben, konnte aber in letzter Minute befreit werden.

Mit unerschütterlichem Gottvertrauen stellt er danach gelassen fest:

Da hat es der liebe Gott wohl gut mit mir gemeint, ja,ja,Gereon, der liebe Gott tut doch nichts als fügen.

Am 2. Februar 1960, am Fest Maria Lichtmess wurde er von

Bischof Michael Keller zum Priester geweiht.

Anschließend folgten Jahre der Einübung in den priesterlichen Dienst.

Von 1960 wirkte er als Kaplan in St. Josef Recklinghausen-Süd

und im Jahre 1964 wurde er Nach Herten-Scherlebeck versetzt.

Hier lernte er die Näte und Sorgen der Bergleute kennen.

Der Bergbau im Ruhrgebiet, im Volksmund auch Kohlenpott genannt, war damals im Umbruch begriffen und viele Bergleute bangten um ihre Zukunft.

1967 wurde er für kurze Zeit nach Oelde ins südliche Münsterland versetzt,

nach einem halben Jahr aber weiter nach Moers an den Niederrhein berufen.

Hier nun befand sich die Zweigstelle der Klever Justizanstalt.

Sein geistliches Leben und sein Dienst an dem Menschen bekam hier in Moers,

so seine Einschätzung,

nach seiner Beauftragung durch den Bischof zum Gefangenenseelsorger, eine neue Glaubenstiefe.

Was in Moers begann, führte fünf Jahrs später zur Ernennung zum Anstaltspfarrer an der Justizvollzugsanstalt Wuppertal mit den Zweigstellen Barmen und Solingen.

1975 ernannte ihn Bischof Tenhumberg zusätzlich zum Pfarrer an der Justizvollzugsanstalt Münster.

Er war jetzt Pfarrer und Beamter zugleich.

Diese Zeit, so erzählt er immer wieder hat ihn Gottvertrauen und Vertrauen in den Menschen gelehrt.

Er bekannte:

Lieber zehnmal von neunmal zu unrecht vertrauen, als einmal von zehnmal zu Unrecht misstrauen.

Sein Vertrauen ging sogar so weit, dass er den Gottesdienst in der Haftanstalt ohne Wachpersonal feierte.

Berührt war er von einem Ereignis bei einem Gottesdienst.

Während der heiligen Messe kamen nach der Predigt einige Häftlinge nach vorn und legten ihm wortlos ihre Drogen und Spritzen auf den Altar.

Er sagte mir:

Gereon: Ich war so tief berührt und innerlich voller Dank und erkannte augenblicklich in diesem Tun, das Wort des hl Paulus:

"Gottes Liebe ist ausgegossen in unseren Herzen."

Menschliche Bekehrung bekam in diesem Augenblick Hand und Fuß.

Ein Erlebnis hat ihn tief erschüttert.

In den Jahren als Gefängnispfarrer nahm er sich des Gefangenen Jürgen Bartsch an, der 4 Kinder getötet hatte,

Der Mörder hatte ausdrücklich darum gebeten, dass Pfr. Köster ihn betreuen möge.

Natürlich stellte sich Norbert dieser Herausforderung,

führte harte, aber auch, wie er sagte, trostreiche Gespräche

und auch nahm er ihm die Beichte ab.

Doch während des Prozesses verteidigte sich dieser mit den Worten:

Ich habe doch nach dem dritten Mord dem Priester gebeichtet, hätte er doch die Polizei rufen können.

Das war für Norbert Köster: Teuflisch!

Norbert Köster sprühte nur so von Ideen.

Zum Beispiel führte er Seminare ein für Strafgefangene und deren Familien.

Noch als Pfarrer der Engelkirche behielt er lebhaften Kontakt zu den ehemaligen Strafentlassenen, die auf Arbeit und Unterkunft warteten.

Manche übernachteten vorübergehend im Pfarrhaus.

Vielen verschaffte er eine neue Bleibe und manche auch vermittelte er in Arbeit und Brot.

Am 17. August 1980 wurde er zum neuen Pfarrer hier an unserer "Friedenskirche zu den heiligen Engeln" bestellt

und vom damaligen Pfarrer der Mutterkirche St Maria Himmelfahrt Dechant Van de Locht feierlich eingeführt.

Er gestand mir einmal:

Der Bischof musste mich sogar Gehorsam einfordernd bedrängen, diese neue Pfarrstelle zu Übernehmen,

so sehr war ich in Sorge um die Gefangenen, die mir ans Herz gewachsen waren.

In der Zeit von 1980 bis 2001 wirkte er hier bei uns auf dem Fusternberg.

Zusätzlich Übernahm er 1996 die Aufgabe eines Pfarrverwalters in St. Franziskus auf dem Schepersfeld.

Norbert Köster suchte mit Leib uns Seele, die Nähe zu den Menschen.

Arme und Bedrängte waren gut aufgehoben bei ihm.

Für sie hatte er alle Zeit der Welt.

Einmal kritisierte ich ihn:

Norbert, warum bekommt jeder Nichtsesshafte, er nannte sie Freunde von der Strasse, täglich 1,50 DM von dir.

Ich halte das für keine gute Idee.

Da schaute er mich an und sagte nur:

"Von dem bisschen Geld werden sie nicht leben, es reicht möglicher Weise nur für einen Schnaps,,

aber ich zeige ihnen damit Nähe, die brauchen sie zum überleben."

Ein anderes Mal feierten wir im Gemeindesaal ein Fest.

Es hatte gerade begonnen, da taucht ein Ehepaar auf, das seit Jahren wohnungslos auf der Strasse lebte.

Norbert sieht die beiden, holt sie herein und platziert sie auf dem Ehrenplatz gleich an seiner Seite, sorgt dafür dass sie zu essen bekommen und hilft ihnen so, sich angenommen zu wissen.

Norbert engagierte sich auch Gemeinde übergreifend.

Er war Vorsitzender des Caritasverbandes hier in Wesel.

Mit heißem Herzen und finanzieller Freigibigkeit unterstützte er bis in unsere Tage den von Frau Hildegard Pröbsting 1985 gegründeten  "Förderkreis Mutter und Kind"

Der heutige Caritasdirektor Michael van Meerbeck schrieb:

"Durch sein Engagement und seine Person stand er in besonderer Weise in Wort und Tat für das Evangelium in der Welt.

Norbert war Sänger und Musiker mit Leib und Seele.

Dabei sehr liturgisch, eben auf Zukunft hin orientiert.

Das musste manch traditionell eingestellter Kirchenchorsänger damals schmerzlich erfahren.

Den alten Kirchenchor konfliktreich nach St. Martini hin entlassend, ging er liturgisch, kirchen- musikalisch andere Wege.

Er gründete einen Kindersingkreis, mit dem er neues Liedgut in den Gemeindegottesdienst einführte.

Und da waren sie wieder, seine Erfahrungen als Schüler mit

Dr. Storm.

Bei den Proben mit den Kindern im Pfarrhaus am schwarzen Klavier oder auch während des Gottesdienstes passierte es, dass vor Schüchternheit die Kinder keinen Ton heraus brachten.

Dann schaute er sie unwirsch an und bemerkte:

Nun singt doch Kinder, ihr könnt es doch.

Einige von ihnen können's noch heute. Sie singen in unserer Chorgemeinschaft "Tau".

Er predigte ein Evangelium mutig, sei es gelegen oder ungelegen, fernab aller Dogmen und Traditionszwänge.

Dabei vergaß er manchmal die Hörer strapazierend predigend Zeit und Raum.

Auch streiten konnte er mit Herz und Verstand.

Eigensinnig konnte er auch sein.

Zum Beispiel wenn ich mir was in den Kopf gesetzt hatte, was ihm zuwiderlief, kam der Niederrheiner in ihm durch:

Gereon, mach doch wat de willst, rumpelte er dann.

Dabei erschien mir seine innere Bereitschaft zur Versöhnung unbegrenzt.

Ich hatte einmal richtig Zopf mit ihm.

Als er sich fürchterlich aufregend über mich her gemacht hatte, sagte ich ihm:

Du, wie einen Schuljungen, lass ich mich von dir nicht behandeln,

dreht mich um und fuhr nach Rees zurück.

Ich war keine halbe Stunde dort, schellte es an der Brüderwohnung und in der Tür stand Norbert mit einem großen Blumenstrauß in der Hand und bemerkte fast kindlich schelmisch und mit Pathos:

Gereon, ich habe dir Unrecht getan, kannst du mir noch einmal verzeihen?

Ich brauche nicht zu sagen, wie ich mich in diesem Augenblick gefühlt habe:

Schrecklich geschockt und geliebt zugleich.

Beeindruckend für jeden und jeder in seiner näheren Umgebung war sein Mut, alte Zöpfe in Liturgie und Gemeindetradition abzuschneiden,

zum Beispiel, seine Unbefangenheit, Dienste an Gemeindemitglieder zu verteilen, die eigentlich der Erlaubnis bischöflicher Autorität bedurften,

wie z.B.

  • die Einsetzung von Kommunionhelfern.
  • Mädchen und Frauen zu Ministranten und Lektoren diensten zu bitten.
  • die regelmäßige Einladung in ökumenischer Gesinnung an seine geistlich-evangelischen Mitbrüder, mit ihm am Altar zu sein bei den Festfeiern.

In diesen Tagen seines Abschieds drückten es die Seelsorger von der benachbarten Gnadenkirche

Pastor Thomas Brödenfeld und Pastor Klaus Vogel so aus:

"Norbert Köster war ein ökumenischer Brückenbauer und war regelmäßiger Gast bei regelmäßigen Gottesdiensten bei uns in der Gnadenkirche.

Er hat mit warmen Herzen trennendes zwischen unseren Konfessionen abgebaut und uns zu einem Bewusstsein verholfen, eine Kirche zu sein.

Mit ihm gemeinsam in der Nachfolge Christi unterwegs zu sein, hat uns beschenkt und dafür sind wir Gott dankbar."

Was für ein bewegendes, ökumenisches Trostwort von unseren geistlichen Freunden von der evangelischen Gemeinde.

Danke!

Norbert Köster war ein genialer Humorist, nahm sich gern selbst auf die Schüppe, wie wir sagen, und konnte sich freuen wie ein Kind.

Er konnte kräftig feiern, dann strahlte er eine Lebensfreude aus, sehr diszipliniert aber ansteckend.

Beim Alkohol spuckte er, wie wir sagen, nicht ins Glas,

öfter mal zuviel.

Auch die Zigaretten sagten ihm über die Maßen zu.

Doch liebe Freunde, so ein wunderbarer Mensch ohne Laster?

Legen wir's in Gottes barmherzige Hand.

Denn auch das war er.

Er konnte genießen.

Beim Essen drehte er Gemüse, Fleisch und Zulagen dreimal um, um dann ganz gelassen die geschmackvoll zu bereiteten Speisen sich auf der Zunge zergehen zu lassen, gemäß dem geflügelten Wort:

Wer nicht genießen kann, ist ungenießbar

Liebe Gemeinde.

Es gäbe noch so viel zu erzählen. Es mag für`s Erste genügen. Doch eines noch:

Zwei Tage vor seinem Tod nahm er mich auf die Seite mit eindringlichen Worten:

Gereon bitte, du musst mir einen Gefallen tun:

Bitte grüße ganz persönlich von mir in der Gemeinde alle, die ich kenne.

Du kennst alle. Du weißt, wen ich meine.

Spreche ihnen von ganzem Herzen in meinem Namen Gottes Segen zu.

Liebe Freunde, liebe Gemeinde und liebe Gäste:

Dies will ich hiermit tun.

Bei aller Trauer über seinen Tod sind wir dankbar für alle Spuren, die Norbert Köster uns hinterlassen hat.

Wir danken Gott,

  • dass er uns die Frohe Botschaft des Evangeliums nahe gebracht hat,
  • dass er als im wahrsten Sinn des Wortes uns ein guter Hirte war,
  • dass er Jesu Option für die Armen unter uns, konkret in die Tat umzusetzen wusste,
  • dass er mit seiner menschlichen Wärme, seiner Streitkultur und Toleranz das gemeinschaftliche Miteinander unter uns nachhaltig befördert hat.

Wir freuen uns dass wir ihn erleben durften

und danken Gott, dass er nun auf andere Weise für uns sorgen wird.

Ich danke ihnen.

 

Unser Selbstverständnis

Banner
im Zeichen des Tau

... dem Leben trauen ...

Banner
Wort für die Woche